Ausreichend günstige Energie als entscheidender Faktor für die Unternehmensnachhaltigkeit
Der Financial Times‑Artikel „What if the AI race isn’t about chips at all?“ bringt eine interessante Idee: Das Rennen um künstliche Intelligenz könnte letztlich nicht durch die Verfügbarkeit von Chips, sondern durch ausreichende günstige Elektrizität entschieden werden. Und obwohl er globale Trends beschreibt, hat er für Europa — und besonders für die Tschechische Republik — einen unangenehm aktuellen Bezug. Er zeigt nämlich, dass uns nicht nur im „traditionellen“ Industriesektor, sondern auch in der schnell wachsenden digitalen Wirtschaft der Zug entgeht.
Energie war immer die Grundlage des technologischen Fortschritts.
In der Geschichte des technologischen Fortschritts spielte Energie eine entscheidende Rolle: vom günstigen Kohle in Großbritannien während der Industriellen Revolution bis hin zu Öl und Wasserkraft in den USA. Im Zeitalter der KI könnte dasselbe schließlich gelten — gewinnt, wer in der Lage ist, Modelle am Laufen zu halten, also wer zuverlässige und günstige Elektrizität bereitstellen kann.
Günstige Energie wichtiger als Chips?
Nvidia‑Chef Jensen Huang weist auf einen Trend hin, der bislang in der öffentlichen Debatte kaum Beachtung findet: Die Entwicklung von KI wird nicht mehr so sehr durch den Mangel an Spitzen‑Chips, sondern durch den Mangel an Strom gebremst.
Das Training großer Modelle wie GPT‑4 verbraucht so viel Energie wie Zehntausende von Haushalten. Und die Nachfrage wächst schnell: Laut Prognosen soll der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 mehr als doppelt so hoch sein und bis 2040 auf ein Niveau steigen, das 150 Millionen amerikanische Haushalte decken würde.
China investiert massiv in erneuerbare Energien …
Und genau hier hat China einen riesigen Vorsprung. In den letzten Jahren installiert es rekordartig viele Solar‑ und Windkraftanlagen — in der ersten Hälfte des Jahres 2025 sogar mehr als der Rest der Welt zusammen:
Dazu baut es ein modernes Übertragungssystem, das günstigen Strom aus dem Binnenland zu den Technologiezentren an der Küste transportieren kann. Außerdem bietet es großen KI-Firmen wie Alibaba, Tencent oder ByteDance vergünstigte Strompreise. Dadurch kann es den technologischen Verlust ausgleichen, den es im Bereich High-End-Chips hat.
China kann so Modelle günstiger trainieren – nicht dank der besten Chips, sondern dank der billigsten Energie.
…während die USA langsamer werden
Im Gegenteil, in den USA steigt der Strompreis in Regionen mit Rechenzentren, während Investitionen in neue erneuerbare Energien in den letzten Jahren aufgrund regulatorischer Unsicherheiten nachlassen. Die US-Regierung plant sogar, einige Förderungen für Wind- und Solarenergie zu beenden.
Ja, Nvidia dominiert weiterhin den Markt für die leistungsstärksten Chips. Chinesische Alternativen wie Huawei Ascend hinken hinterher. Das könnte jedoch aus langfristiger Sicht weniger wichtig sein: Die Chipleistung stagniert, die Kapazität günstiger chinesischer Energie wächst zweistellig. Und im KI-Rennen könnte gerade die Energie die eigentliche Begrenzung sein.
Energieverbrauch als Indikator für Wirtschaftswachstum
Historisch war der Energieverbrauch ein hervorragender Prädiktor für Wirtschaftswachstum. In modernen, entwickelten Ländern hat diese Beziehung in den letzten 20 Jahren zwar nachgelassen, doch KI, die Elektrifizierung der Industrie, Rechenzentren und die Digitalisierung der Wirtschaft stärken sie wieder. Der Energieverbrauch Chinas überschneidet sich in den letzten drei Jahrzehnten praktisch mit seinem wirtschaftlichen Aufstieg. Im Vergleich zu Europa und den USA wird der Unterschied immer deutlicher – und aus Zukunftsperspektive alarmierend.
Tschechien hat sofort mehrere Probleme, die diese Situation im Vergleich zu vielen fortschrittlicheren Ländern der Welt dramatisch verschärfen. Unsere Wirtschaft ist eine der energieintensivsten in Europa, wir beschäftigen fast die meisten Menschen in der Industrie, wir haben einen der schmutzigsten Energiemixe (hoher Emissionsfaktor des Stroms) und wir haben relativ hohe Strompreise.
Gleichzeitig erleben wir Jahre der Unsicherheit in der Energiepolitik, wir stehen zyklischen Änderungen der Förderung erneuerbarer Energien gegenüber und sind nicht in der Lage, ein langfristiges Energiekonzept zu erarbeiten und sich darauf zu einigen.
Das Ergebnis ist, dass wir eine Kombination erhalten, die nicht nur die aktuelle Industrie, sondern vor allem die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der gesamten tschechischen Wirtschaft gefährdet.
Und das ist Nachhaltigkeit — vielleicht die wichtigste.
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