Entwicklungsländer treiben die Elektromobilität voran.
Nach der Analyse des Think Tanks Ember („The EV leapfrog – how emerging markets are driving a global EV boom“) wird der globale Boom bei Elektrofahrzeugen nicht mehr ausschließlich von Europa und China angetrieben. Noch vor kurzem wurde der Übergang zur Elektromobilität als ein von Europa und China geführter Prozess beschrieben. Schwellenländer wurden häufig als „Nachzügler“ angesehen – man erwartete, dass sie später, langsamer und erst dann auf Elektrofahrzeuge umsteigen, wenn deren Preis deutlich sinkt. Diese Vorstellung entspricht jedoch nicht mehr der Realität.
Die neuesten Daten des Think Tanks Ember zeigen, dass das Jahr 2025 einen entscheidenden Wendepunkt darstellt – die Schwellenländer holen die Elektromobilität nicht mehr nach, sondern werden immer häufiger zu ihren Vorreitern.
Elektromobilität ist zu einem globalen Phänomen geworden.
Im Zeitraum von Januar bis Oktober 2025 machten Elektrofahrzeuge mehr als ein Viertel aller neu verkauften Personenkraftwagen weltweit aus. Noch im Jahr 2019 waren es weniger als 3 %. Entscheidend ist jedoch nicht nur das Wachstumstempo, sondern vor allem die geografische Verteilung – 39 Länder haben bereits die Grenze von 10 % Anteil von Elektroautos an den Neuzulassungen überschritten. Und ein Drittel davon liegt außerhalb Europas:
China hat die 50‑Prozent‑Marke zum ersten Mal überschritten.
Eine Reihe von Schwellenländern übertrifft heute die traditionellen Automobilmächte wie die USA oder Japan. Der Schwerpunkt der Elektromobilitäts‑Transformation hat sich verschoben. Ein herausragendes Beispiel für das sogenannte „Leapfrogging“ ist Südostasien:
- Vietnam erreichte im Jahr 2025 fast 40 % Anteil an Elektroautos – noch vor vier Jahren lag er praktisch bei null.
- Thailand überschritt die 20‑%‑Marke, während es 2019 nur 1 % waren.
- Singapur, Thailand und Vietnam weisen heute einen höheren Anteil an Elektroautos auf als der EU‑Durchschnitt.
Ember behauptet, dass es sich nicht um eine schrittweise Verbesserung handelt, sondern um einen strukturellen Wandel, unterstützt durch gezielte Politik, heimische Produktion und den Ausbau der Infrastruktur:
Vietnam ist in dieser Hinsicht illustrativ. Der heimische Hersteller VinFast baute zunächst Verkaufsvolumen über Firmenflotten und ein eigenes Ladenetz auf, bevor er erfolgreich in den Verbrauchermarkt wechselte. Heute entfallen drei Viertel seiner Verkäufe auf den Direktverkauf an Endkunden, und eines seiner Modelle ist das meistverkaufte Auto im Land.
Entwicklungsländer überholen die traditionellen Automobilwirtschaften.
Während das Wachstumstempo in einigen entwickelten Ländern stagniert, setzen die Schwellenmärkte ihren schnellen Aufschwung fort:
- Indien, Brasilien und Mexiko haben einen höheren Anteil an Elektrofahrzeugen als Japan.
- Indonesien hat im Jahr 2025 die USA zum ersten Mal überholt.
- Japan liegt seit 2022 bei etwa 3 %.
Der Unterschied liegt laut Ember vor allem in den politischen Prioritäten. Während einige entwickelte Volkswirtschaften ihre Anreize einschränken, sehen viele Schwellenstaaten die Elektromobilität als strategisches Instrument der Wirtschafts‑ und Energiepolitik.
Elektroautos als Instrument für Wirtschaft und Energiesicherheit.
Für sich entwickelnde Volkswirtschaften sind Elektroautos nicht nur eine Klimalösung. Sie bringen auch eine Verringerung der Abhängigkeit vom Import fossiler Brennstoffe, eine Verbesserung der Luftqualität in Städten und Chancen für die Entstehung neuer Industriebranchen und Arbeitsplätze.
Zum Beispiel haben Indonesien und die Türkei Anreize für Elektroautos mit Anforderungen an die lokale Produktion verknüpft, wodurch sie Investitionen von Fahrzeug- und Batterieherstellern angezogen haben.
Noch radikalere Schritte unternahmen Länder wie Äthiopien und Nepal. Äthiopien verbot 2024 den Import neuer Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, was dazu führte, dass Elektroautos etwa 60 % der Neuwagenverkäufe ausmachten. Nepal erreichte 2024 sogar einen Anteil von 76 %, vor allem dank einer starken Wasserkraft.
Chinesische Elektroautos verändern die globalen Märkte.
Ein entscheidender Wachstumsfaktor ist auch die Veränderung auf Angebotsseite. Seit Mitte 2023 stammt praktisch das gesamte Wachstum des chinesischen Elektroauto-Exports aus Märkten außerhalb der OECD. Der Exportwert in diese Länder hat sich fast verdreifacht, während der Export in die OECD nur minimal wuchs:
Zu den größten Abnehmern im Jahr 2025 gehören Brasilien, Mexiko, Indonesien und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Aus ESG-Perspektive ist das entscheidend: Preisgünstigere Elektroautos ermöglichen eine schnellere Einführung auch in preisempfindlichen Volkswirtschaften. Der Bericht widerlegt zudem den verbreiteten Mythos, dass Elektroautos nur in Ländern mit sauberem Energiemix sinnvoll sind.
Dank der deutlich höheren Effizienz – Elektroautos nutzen etwa 80 % der zugeführten Energie, während Verbrennungsmotoren bis zu 80 % verlieren – kommt es zu einem geringeren Verbrauch fossiler Brennstoffe selbst dort, wo der Strom überwiegend aus Kohle oder Gas stammt.
Quelle: Ember (2025), The EV leapfrog – how emerging markets are driving a global EV boom
Die Annahme, dass das Wachstum der Elektromobilität außerhalb Europas und Chinas begrenzt bleiben wird, erweist sich als falsch.
Aufstrebende Märkte werden bis 2050 den Großteil der Neuwagenverkäufe ausmachen. Ihre Entscheidungen zu Infrastruktur, Regulierung und Anreizen werden erhebliche Auswirkungen auf die zukünftige Ölnachfrage, die Luftqualität und die industrielle Entwicklung haben.
Für Unternehmen, Investoren und Politikgestalter ergibt sich daraus eine klare Botschaft – der Übergang zur Elektromobilität ist kein linearer Prozess mehr, der von reichen Ländern geleitet wird. Es ist ein globales Wettrennen – und aufstrebende Volkswirtschaften bestimmen darin immer häufiger das Tempo.
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